Parodontitis-Leitlinien: Pro- und Contra-Diskussion DG PARO/ CP GABA-Symposium 2020 Teil 1

Beim ersten virtuellen zweitägigen DG PARO / CP GABA-Symposium gab es zum Auftakt in Teil 1 eine lebendige Pro- und Contra-Diskussion rund um das Thema Leitlinien und deren Umsetzung in der Praxis. Prof. Dr. Holger Jentsch führte durch die Diskussion und gab eine kurze Einführung in die Entstehung von Evidenz-basierten Leitlinien. Das "Muss" oder "Kann" der Leitlinien diskutierten Prof. Dr. Peter Eickholz und Prof. Dr. Thomas Kocher. Die kontroverse Diskussion der beiden Parodontologie-Experten stimmt optimal auf den Teil 2 des Symposiums ein, welcher sich mit den Leitlinien-Neuigkeiten 2020 befasste und ebenfalls als Aufzeichnung online verfügbar ist.

 

Kontrovers beim Thema Leitlinien in der Praxis

Die beiden Referenten aus dem DG PARO-Umfeld Prof. Dr. Peter Eickholz (Universität Frankfurt/Main) und Prof. Dr. Thomas Kocher (Universität Greifswald) diskutierten im ersten Symposiumsteil kontrovers, ob die neuen Leitlinien „ein Muss oder ein Kann in der Praxis“ sein sollten. Eickholz, der die Pro-Position einnahm, erläuterte den Grund für seinen Standpunkt anhand eines konkreten Patientenfalls: Es handelte sich dabei um einen Furkationsbefall Grad III. Anhand der neuen Leitlinien könne man sehr gut herausarbeiten, welche Behandlungsoptionen in Frage kommen, so Eickholz. Er begründete seine Meinung damit, dass die Leitlinien auf Basis der besten verfügbaren Literatur von Experten erarbeitet wurden und somit einen hohen Standard böten. Zahnärzt*innen, Patient*innen, aber auch politische Entscheidungsträger*innen hätten somit eine gute Grundlage zur Orientierung, bzw. für konkrete Entscheidungen. Eickholz ist überzeugt, dass „klinische Leitlinien praktische, konkrete Antworten auf die Frage geben sollten: Was ist in meinem spezifischen Fall zu tun?”

Kocher hielt dagegen, dass die neuen Leitlinien auf systematischer Evidenzbasierung gründeten, was für ihn bereits eines der Hauptprobleme darstellen. Laut Kocher seien sich die unterschiedlichen Fachgremien uneinig über die Einschlusskriterien für die Studienauswahl. Einerseits werde eine hohe Studienqualität gefordert, andererseits gäbe es aber für den wichtigsten Teil der Parodontitis-Therapie, die subgingivale Instrumentierung, nur Beobachtungsstudien. Viele Themen bleiben für ihn offen, etwa die Fragen nach einer berufsbedingten Befangenheit der Leitlinien-Kommission, nach der ausreichenden Differenzierung der Empfehlungen oder der partnerschaftlichen Einbeziehung der Patient*innen. Kocher stellte auch in Frage, ob die Leitlinien bei den Kolleg*innen in den Praxen oder den Patient*innen überhaupt angenommen würden. Für ihn „scheint die Umsetzung der Leitlinien in der Praxis ein schwerer Weg zu sein.”